Vega entdecken

Bei den Vogelhütern von Vega

Vom besonderen Zauber einer uralten Inselgruppe, auf der die Einheimischen seit jeher im Einklang mit der Tierwelt leben.

TEXT VON YVONNE GORDON

Wir sind dem Pfad bis zu einer Öffnung im Berghang gefolgt. Als wir die Stufen in das riesige Loch hinuntergehen, komme ich mir plötzlich winzig vor. Die Öffnung ist etwa 20 Meter breit, 35 Meter hoch und durchdringt den Berg vollständig von einer bis zur anderen Seite. Es ist ein seltsames Gefühl, in die Dunkelheit hinabzusteigen und sich gleichzeitig in mehr als 90 Metern Höhe über dem Meeresspiegel zu befinden.

Das berühmte Loch des Berges Torghatten kann einem das Gefühl geben, winzig zu sein. Foto: Andrea Klaussner

Der Torghatten ist ein Berg an der Helgelandküste, der knapp unterhalb des nördlichen Polarkreises – etwa in der Mitte der norwegischen Küstenlinie – in der Nähe der Kleinstadt Brønnøysund liegt. Auf einer klassischen Postschiff-Rundreise habe ich die Gelegenheit genutzt, mit einem optionalen Ausflug die Region noch besser kennenzulernen und an einer Wanderung zum sagenumwobenen Loch des Torghatten teilgenommen. Eine Legende besagt, dass das Loch im Torghatten entstand, als ein verbitterter Troll namens Hestmannen einen Pfeil auf die Jungfrau Lekamøya abfeuerte, die nicht auf seine Annäherungsversuche eingegangen war. Um sie zu retten, warf der Trollkönig der Sømnaberge seinen Hut in die Flugbahn des Pfeils. In diesem Moment ging die Sonne auf und ließ alle Riesen und Trolle des Landes – und den vom Pfeil durchbohrten Hut – zu Stein erstarren, wodurch der Legende nach die vielen Berge an der Helgelandküste entstanden.

Das Loch im Torghatten entstand wahrscheinlich während der letzten Eiszeit als das Meerwasser den Berg aushöhlte. Foto: Dr. Verena Meraldi

Der Berg gleicht einer Kathedrale aus Granit. Foto: Andrea Klaussner

Die wahrscheinlichere, wenn auch weniger aufregende Erklärung besteht jedoch darin, dass das Meer im Laufe der letzten Eiszeit eine Stelle des Berges aushöhlte und auf diese Weise das Loch entstand. Unabhängig davon, wie man zur Geschichte vom Trollkönig steht – es hat etwas Ergreifendes, durch das imposante Loch auf halber Höhe des Berges zu laufen. Wir marschieren über Geröll und Felsen, betrachten das verwitterte und rissige graue Gestein der riesigen und steil emporragenden Wände des Tunnels und blicken hinauf zur felsigen Decke, die sich weit über unseren Köpfen wölbt. Es fühlt sich an, als befänden wir uns in einer riesigen Kathedrale aus Granit, die im Laufe der Jahrhunderte von der Natur selbst geformt wurde. Als wir das Ende des Tunnels auf der anderen Seite des Torghatten erreichen, bietet sich uns eine einzigartige Aussicht – eine Vielzahl winziger, mit Gras und Moos bewachsener Inseln, Eilande und Schären liegt im Meer unter uns und erinnert an Smaragde auf einem blauen Seidentuch.

Die Landschaft des Vega-Archipels ist außergewöhnlich vielfältig.

Der Vega-Archipel setzt sich aus etwa 6.500 Inseln und Inselchen zusammen. Zu ihrer Schönheit und ihrem Charme tragen auch die bis heute andauernden Traditionen der Fischerei und der Landwirtschaft bei. Auf den örtlichen Eiderdaunenfarmen herrscht eine besondere Harmonie zwischen den Eiderenten und den Menschen, die sich um sie kümmern. Die Enten kehren jeden Sommer zum Brüten hierher zurück und die Menschen, die sich um sie kümmern, werden mit prächtigen, hochwertigen Eiderdaunen belohnt. Es ist Traditionen wie dieser zu verdanken, dass der Archipel von der UNESCO in die Welterbeliste aufgenommen wurde. An einem frischen, klaren Morgen fahre ich mit dem Boot zu den Inseln raus. Von der Wasseroberfläche aus betrachtet, kann man sehen, dass die meisten von ihnen lang und flach sind; wie grüne Grasstreifen liegen sie zwischen dem Blau des Meeres und des Himmels. Ab und zu sieht man ein gelbes Holzhaus am Ufer oder eine rote Fischerhütte, die auf Stelzen über dem Wasser thront. Die Dächer einiger Gebäude sind von Gras bedeckt. Auf einigen der Inseln stechen mir kleine Holzhäuschen mit spitzen Dächern ins Auge, die Nistplätze der Eiderenten. Sie verfügen über winzige Eingänge in Entengröße und sind räumlich voneinander getrennt – einige von ihnen befinden sich auf einem Hügel, andere näher am Ufer. Unser Boot erreicht das Fischerdorf Nes auf der Hauptinsel des Archipels. Neben in die Jahre gekommenen Fischerbooten liegen moderne Jachten vor Anker. Entlang des Ufers stehen alte Holzhäuser und einige neuere rote Gebäude, die sich unter dem blauen Himmel perfekt im Meer spiegeln. In der Nähe befindet sich auf einem grasbewachsenen Felsvorsprung am Wasser das UNESCO-Welterbezentrum von Vega. Täglich werden hier Führungen angeboten. Informationstafeln informieren über die Geschichte der Inseln und der Eiderenten.

Eine scheue Eiderente. Foto: Cyril Ruoso

Die Eiderenten sind die unangefochtenen Herrscher des Vega-Archipels. Foto: Cyril Ruoso

Ausgewachsene weibliche Eiderenten erkennt man an ihrem dunkleren Gefieder. Foto: Cyril Ruoso

Der Vega-Archipel setzt sich aus 6.500 Inseln zusammen. Foto: Ina Andreassen

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Ein einheimischer Führer im Zentrum erzählt mir, dass die Eiderenten die unangefochtenen Herrscher dieser Inseln sind und sich während der Nistzeit alles um sie dreht. Von den Inseln mit Nestern ist Lånan die größte und kann von Nes aus mit Shuttle-Booten erreicht werden.

Die Inselbewohner, die sich um die Vögel kümmern, leben von April bis Juli auf Lånan. Ihre erste Aufgabe besteht darin, die durch Winterstürme beschädigten Hütten zu reparieren und die Nester für die Ankunft der Enten vorzubereiten. Die Vogelpfleger trocknen auch Seetang und legen ihn als Nestunterlage in die Entenhäuser. Der Seetang bewirkt, dass die Daunen sauber bleiben. Wenn die Enten ankommen, suchen sie sich ein Nest aus, das ihnen gefällt, und füllen es mit Daunenfedern, um ihre Eier zu verstecken und sie warm zu halten. Nachdem die Enten ihre Eier gelegt haben, gehen die Vogelpfleger auf Patrouille und halten Ausschau nach Raubtieren wie Nerzen, Ottern und Krähen, die die kostbaren Eier stehlen könnten. Die Jungtiere schlüpfen im Juni. Wenige Wochen später verlassen die Weibchen und die Entenküken die Inseln.

Eiderentenhütten – ein sicherer Nistplatz.

„Die Eiderenten bedeuten uns sehr viel – sie sind Teil unseres kulturellen Erbes. Es macht uns stolz, diese Tradition fortzuführen.“

— Hildegunn Nordum

Seit langem sind Eiderdaunen wegen ihrer Wärme begehrt.

Das bedeutet, dass es für die Inselbewohner an der Zeit ist, die kostbaren Daunen zu sammeln und zu reinigen – ein Prozess, der fast den ganzen Juli und August in Anspruch nimmt. Traditionell war dies die Aufgabe der Frauen, während die Männer zum Fischen auf das Meer hinausfuhren. Die frühesten Belege dieser Praxis gehen auf das neunte Jahrhundert zurück. „Die Eiderenten bedeuten uns sehr viel – sie sind Teil unseres kulturellen Erbes. Es macht uns stolz, diese Tradition fortzuführen“, sagt Hildegunn Nordum, die auf Lånan als Vogelpflegerin arbeitet. „Die Enten sind darauf angewiesen, dass wir uns während ihrer Brutzeit um sie kümmern. Sie vertrauen uns. Wir leben in Harmonie mit der Natur und unsere Liebe für die Tiere basiert auf Gegenseitigkeit.“ Eiderdaunen gelten als die besten Daunen schlechthin. Einst galt es als „Gold der Inselbewohner“ und wurde gegen Lebensmittel und sogar Schmuck eingetauscht. Einer der Gründe dafür, dass Eiderdaunen so begehrt sind, liegt in ihrer Vielseitigkeit. An den Federn befinden sich winzige, mit bloßem Auge nicht sichtbare Haken, wodurch die Federn aneinander hängen bleiben; so ähnlich wie bei einem Reißverschluss. Aufgrund dieser Struktur können die Daunen bei kalten Temperaturen Wärme absorbieren und speichern und sich in den Sommermonaten ausdehnen, um kühle Luft durchzulassen. Für die Herstellung eines einzigen Federbetts benötigt man die Daunen von etwa 60 bis 70 Nestern.

Eiderdaunen werden für Kissen, Steppdecken und vieles mehr verwendet. Foto: Cyril Ruoso

Eine weibliche Eiderente. Foto: Cyril Ruoso

Die Inseln sind nicht nur ein wichtiger Standort für die Eiderdaunenernte, sondern auch ein beliebtes Ausflugsziel für Kajakfahrer. Das Meer ist hier ruhig und seicht und Sie können Ihr Kajak an Land ziehen, um auf den ruhigen Hügeln zu wandern, von wo aus sich ungestört die traumhafte Aussicht genießen lässt. Es empfiehlt sich beispielsweise die 2.000 Stufen hohe Vegatrappa (Vega-Treppe) auf den 300 Meter hohen Ravenfloget hinaufzusteigen, von wo man einen herrlichen Blick auf die Insel Søla hat.

Die Gegend ist perfekt für Outdoor-Aktivitäten wie Kajakfahren, Schwimmen, Tauchen, Reiten, Wandern und vieles mehr.

Zwei Schnorchlerinnen gönnen sich eine Verschnaufpause.

Malerische Sonnenuntergänge sind auf dem Archipel keine Seltenheit.

Im Vega Havhotell auf der Hauptinsel gibt es Ferngläser statt Fernseher auf den Zimmern und eine Speisekarte mit Zutaten aus lokalem Anbau und frischem Fisch. Das Hotel ist der perfekte Ausgangspunkt für Wanderungen und Entdeckungstouren und der ideale Ort, um sich zu entspannen, die lokale Küche zu probieren und einen Sprung in das eiskalte Wasser zu wagen. Als die Zeit gekommen ist, um wieder an Bord zu gehen, habe ich ein neues Verständnis für die sagenumwobene Helgelandküste gewonnen und freue mich auf weitere spannende Inselabenteuer.

6.500 Inseln, Inselchen und Schären und ein unverwechselbarer Vogel, dessen Gefieder von unschätzbarem Wert ist.

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